Die Golanhöhen

Welcome to the wild side

Ein kühler Windzug streift mein Gesicht, das von unserer Wanderung noch leicht gerötet ist, als ich auf einem grasbedeckten Hügel stehe und auf ein verlassenes Dorf schaue. Im Norden erhebt sich majestätisch der schneebedeckte Mount Hermon und die Landschaft ist so saftig grün und blütenreich, dass ich für eine Sekunde denke, ich sei in Schottland. Aber dann trifft mein Blick wenige hundert Meter entfernt eine graue Linie und mir fällt wieder ein: Ich stehe gerade 60 km von Damaskus entfernt. Diese wunderschöne Landschaft hinter dem Zaun, das ist Syrien.

Schützengraben aus dem Yom Kippur Krieg
Schützengraben aus dem Yom-Kippur-Krieg
UNDORF
UNDOF beobachtet die Aktivitäten an der syrisch-israelischen Grenze
Panzer im Golan
Alter israelischer Panzer, Hintergrund: Syrien

Wilde Tiere, tosende Wasserfälle

Israel hat mehr Gesichter als Arya Stark aus Game of Thrones – und der Golan ist definitiv seine wilde Seite. Das Gebiet im Nordwesten Israels ist so schön, dass es einem den Atem raubt. Seine dichten Wälder beheimaten Adler, Wölfe, Geier, Wildkatzen, Gazellen und protzen mit tosenden Wasserfällen, kühlen Seen und sogar einem Skigebiet. Es ist ein Hochplateau, das dank seines vulkanischen Ursprungs und milden Klimas die Region führend im Obst- und Weinanbau macht. Durch reichlich Niederschläge und dem Banyas, einem der Quellflüsse des Jordans, versorgt der Golan Israel mit einem Drittel seines gesamten Süßwassers. Dazu kommt, dass die Region nur mit rund 20.000 Juden und etwas weniger Drusen, einer arabischen Minderheit, die sich als Syrer definieren, sehr dünn besiedelt ist – es gibt also reichlich Raum zum Wandern, Campen, Schwimmen und Entdecken.


Achtung: Minenfelder

Der Golan ist alles, was Jerusalem und Tel Aviv nicht sind: ruhig, naturbelassen, tierreich, weit, grün – ein Ort zum Luftholen. Und doch atmet man auch hier deutlich einen politischen Subtext. Fast sekündlich springen mir bei der Autofahrt die kleinen gelben Schilder an vermeintlichen Weidezäunen ins Auge. Nur dass statt „Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder“ hier alle paar Meter vor einem frühzeitigen Ableben durch Minenexplosion gewarnt wird. Auf tatsächlichen Weiden suchen zwei Kühe mit ihren Kälbern den Schatten eines Panzers. Die Realität ist, dass diese faszinierende Natur neben Abhörstationen und Schützengräben existiert.

Strategisch wichtige Region

Der wegen seiner Lage und seines Wasservorkommens strategisch wichtige Golan war Teil des syrischen Staatsgebiets, bis Israel ihn im Sechstagekrieg eroberte und 1981 annektierte. Seitdem gibt es immer wieder Auseinandersetzungen, da Syrien das Gebiet ebenfalls beansprucht. Seit den Siebzigern überwacht die UNDOF, ein Truppenkontingent der Vereinten Nationen, die Aktivitäten beider Staaten an der Grenze. Seitdem hat Israel mehr als 200.000 Minen entfernt – Hinterlassenschaften der ägyptischen, jordanischen, syrischen und israelischen Armeen – doch ein Ende ist nicht in Sicht.


Jetzt sitze ich wieder in Jerusalem und denke an den Golan zurück: an die Mohnblumen, das nächtliche Wolfsgeheul, den gelben Vollmond, den riesigen Flusskrebs, den nach Gras schmeckenden Sauvignon Blanc und das prasselnde Lagerfeuer. Und ich schüttele dabei leicht den Kopf. Denn wie fast alles in Israel, ist auch der Golan ein Stück weit unbegreiflich.

Aus der Feder von:   Katharina

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s