Jom HaShoah

Die Welt steht still

Eine Frau und ein Mann in den Achtzigern überqueren die Straße, als sie abrupt mitten auf der Fahrbahn stehen bleiben. Sirenen ertönen, eindringlich, warnend. Sie kommen von allen Seiten. Auch die übrigen Passanten – Schüler, Familien, Studenten, Touristen – halten inne. Das fortwährende Hupen erstirbt, Autos, Linienbusse, Roller kommen zum Stillstand. Alle Bewegung ist eingefroren. Nicht nur hier in Jerusalem, der Stillstand durchzieht von Rosh haNikra bis Eilat das ganze Land.

Sirenengeheul im ganzen Land

Es ist Jom HaShoah, der Gedenktag an die Opfer des Holocaust und den jüdischen Widerstand, ein nationaler Trauertag. Dieses Jahr gedenkt Israel am 12. April mit Sirenengeheul für zwei Minuten der Shoah. Alle Fahnen wehen auf halbmast, es gibt kein Unterhaltungsprogramm, in Yad Vashem brennen sechs Fackeln symbolisch für die sechs Millionen ermordeten Juden, angezündet von sechs Überlebenden.

Es ist schwer, in Worte zu fassen, wie sich diese zwei Minuten angefühlt haben. 73 Jahre nach Kriegsende stehe ich heute als junge deutsche Frau hier, in der Hauptstadt eines jüdischen Staates, und gedenke umgeben von Menschen, die die politische Führung meines Landes noch vor einer Generation auslöschen wollte, der Holocaust-Opfer. Und doch habe ich im vergangenen Jahr nichts anderes als großes Interesse an und Begeisterung für Deutschland erfahren. Ich bin erstaunt, zu welch guten Dingen Menschen eben auch in der Lage sind.

Menschen statt Fakten

Ich habe den Holocaust, seit ich hier bin, erst richtig begriffen – auf menschlicher Ebene. Neben Schulunterricht, Filmen, Museums- und KZ-Besuch sowie Büchern hat das Grauen der Judenvernichtung für mich hier in Israel ein Gesicht bekommen – durch die Frau an der Supermarktkasse, die Bouldertrainer, unsere jüdischen Freunde. Ich bin sehr dankbar und fühle mich privilegiert, diese Erfahrung machen zu können. Und für mich persönlich ist genau dieser Tag vielleicht eins der Schlüsselerlebnisse, die ich mit nach Deutschland bringen werde.

Aus der Feder von:    Katharina

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