Hidden gems of Jerusalem #2: Das Unkraut, das nicht vergeht

Jerusalem – viel gerühmt, viel besucht, viel abgelichtet. Grabeskirche, Tempelberg und Klagemauer sind unverzichtbarer Bestandteil einer jeden Tour durch die Heilige Stadt. Wusstet ihr aber, dass zwischen den mächtigen Quadern der Klagemauer ganz besondere Pflanzen wachsen? Oder dass zahlreiche Kreuzfahrer sich eigenhändig in der Grabeskirche verewigt haben? Unser Umzug nach Jerusalem gibt uns die Zeit, über die eigentlichen Highlights hinauszublicken, den Blick links und rechts schweifen zu lassen und einige der verborgenen Schätze Jerusalems vorzustellen.

HaKotel – Die Mauer

HaKotel haMa’aravi, die Westmauer, oder auch Klagemauer genannt, ist das wichtigste jüdische Heiligtum Jerusalems. Über rund 50 Meter erstreckt sich der mächtige Sockel des Tempelbergs gen Muslimisches Viertel. Seit Osmanischer Zeit (Anfang / Mitte 16. Jhd.) zugänglich, verehren die Juden weltweit diesen Ort als die letzten Reste des zweiten Jüdischen Tempels, der einst das Allerheiligste beherbergte und damit intimer Ort der Begegnung zwischen dem jüdischem Volk und seinem Gott war.

Jenseits der Geschichte

Man spürt es förmlich, das Gewicht der Geschichte, wenn man plötzlich vor dem bombastischen Gebilde dieser Anlage steht. Und doch: Manchmal lohnt es sich, vom Großen und Mächtigen Abstand zu nehmen und ein Auge auf Details zu werfen, selbst und vor allem in einer Stadt, die ihr prächtiges Kleid so plakativ zur Schau trägt.

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Die Klagemauer am Vorabend des Shabbat

Über ihre jahrtausendlange Verehrung hat die Mauer nämlich eine eigene Flora entwickelt, die entsprechend der Jahreszeiten mehr oder weniger stark zum Vorschein kommt.

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Üppige Flora in der Klagemauer

Inmitten der mächtigen herodianischen Quader haben sich Pflanzen festgesetzt, die den harten Bedingungen – pralle Sonne, wenig Platz, extreme Trockenheit und so gut wie kein Substrat – standhalten können.

Allem voran ist es das sogenannte goldene Bilsenkraut, hier ganz links im Bild, welches es schafft, jede Nische der Wand zu besiedeln. Schon der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus rühmte im ersten Jahrhundert nach Christus diese „goldene dreifache Krone, aus welcher goldene Knospen hervorragen“ und sah in ihr einen Verweis auf den Kopfschmuck des Hohepriesters im jüdischen Tempel.

Dominiert wird das Bild der Klagemauer allerdings von einem eher überraschenden Vertreter, nämlich einem Kaperngewächs! Ja, richtig gehört. An der Klagemauer wachsen Kapern, genauer die sogenannte dornige Kaperstaude. Unbeirrbar überdauert sie alles, was Politik, Geschichte und Wetter der Region ihr entgegenwerfen. Im Sommer bildet sie wunderschöne weiße Blüten und tritt so der unerbittlichen Hitze mit ihrer schlichten Schönheit entgegen.

Und Jerusalem wäre nicht Jerusalem, wenn sich nicht selbst in dem kleinsten Detail eine theologische Analogie finden würde: Denn so unausrottbar die Kapern in der Klagemauer sind, so wird auch das jüdische Volk, so besagt es der Volksmund, trotz aller Verfolgung alle Zeiten überdauern. Ein schönes Bild wie ich finde, das sich stellvertretend in diesem kleinen Gewächs widerspiegelt!

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Ein ultraorthodoxer Jude ist unter einem Kapernstrauch ins Gebet vertieft

Leben – trotz des zerstörten Tempels

Die Zerstörung und Plünderung dieses zweiten Tempels war das Resultat eines Aufstandes der Juden gegen die römischen Besatzer um das Jahr 66 n. Chr., der rund vier Jahre später zugunsten der Weltmacht Roms entschieden wurde. Nie wieder sollten die Juden es wagen, gegen das Imperium aufzubegehren und so vernichtete man das, was den Unruhestiftern am heiligsten war, schliff den Tempel und verschleppte sämtliche Gegenstände von Wert nach Rom. So ist nur noch die westliche Umfassungsmauer des Ortes über, der dem jüdischen Volk so überaus wichtig ist.

Und doch ist der Ort alles andere als tot. Denn mit Vorliebe tummeln sich Mauersegler und Hausspatz in den Ritzen der alten Mauer, nisten über den Köpfen der Gläubigen, und erwecken unbeirrt von all dem Trubel die Ruinen des Tempels Jahr für Jahr zum Leben. Wenn auch der Tempel zerstört ist, so ist die Mauer nicht nur im Gebet, sondern auch ganz real lebendig!

Aus der Feder von:   Joachim

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