Randnotiz #4 – Hut ab!

Small things make the difference: In dieser Serie stellen wir kleine Schmankerl aus dem israelischen Alltag vor. Von Essensgewohnheiten, Sprachfloskeln bis zum Verkehr kommt hier alles auf den Tisch.

Die strenge Ermahnung meines Arztes, dass ich bitteschön täglich Sonnencreme und eine Kopfbedeckung tragen solle, hallte mir noch im Ohr, als ich in den ersten Wochen all diese Frauen mit kunstvoll gebundenen Kopftüchern, stock-konservativen Hüten oder einer lässigen Cap auf der Straße sehe. Wow, wie vorbildlich!

3-Wetter-Taft auf Hebräisch

Die übrigen Frauen schienen wundersamerweise den gleichen Friseur zu teilen: ewig perfekt nach innen geföhnte, glänzend dunkelbraune und durchgestufte Mähnen so weit das Auge reicht. Die reinste 3-Wetter-Taft-Werbung!

Aber Moment mal: Wieso gibt es hier so viele Sonderangebote für‘s Perücken-Styling im Friseursalon? Nach ein paar Tagen traue ich mich eine jüdische Bekannte danach zu fragen und lerne, dass ein großer Teil orthodoxer Jüdinnen ihren Kopf bedeckt, sobald er verheiratet ist. Die Frau kommt unter die Haube.

Friseursalon in Jerusalem

Religion mit Style

Seinen Ursprung hat der Brauch in der Tora. Laut jüdischen Vorschriften gilt das Bedecken des Haares als äußeres Zeichen für eine Ehe. Haare werden als etwas Sinnliches verstanden, das dem Ehepartner vorbehalten bleiben soll. Bis die Perücke im 17. Jahrhundert der letzte Schrei in Paris wurde, haben Jüdinnen den Tichel (Kopftuch) getragen. Seitdem können sie die wildesten Frisurfantasien ausleben und dabei religiöse Vorschriften befolgen. Kein Wunder also, dass man beim Blick in einen Friseursalon häufig einen Haarschopf ohne dazugehörigen Körper auf dem Frisierstuhl sieht. Sowas von chic!

Perücke

Die Qual der Wahl

Fast immer sind die Frauen obenrum so modisch (oder fast oben ohne), dass ich nie und nimmer eine religiöse Motivation erkannt hätte. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass sie bewundernswerte Meister darin sind, Vorschriften so kreativ auszulegen, dass sie ins eigene Leben passen – ohne sie zu brechen.

Wie auch immer man sich entscheidet: Christinnen, Jüdinnen, Muslima und nicht-religiöse Frauen können in Jerusalem rumlaufen, wie sie möchten – in Shorts oder Abendkleid, mit gefärbtem Haar genauso wie mit Perücke – ohne dass man sie sozial verunglimpft. Unbestreitbar ist die Dichte der observanten Jüdinnen größer als im Rest der Welt – aber wir leben nun mal im Heiligen Land. Und da sind eher die hellblonden Deutschen die Ausnahme.

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