The Sound of Jerusalem

Scheinbar nichts prägt Jerusalem so sehr wie die beeindruckenden Bilder von der Klagemauer und dem Gold schimmernden Felsendom. Vielleicht ist es aber das erstaunlich orchestrierte Zusammenspiel aus Gebetsmelodien, Großstadtlärm, Alltag und Touristen, das die Vielfalt dieser jahrtausendalten Stadt am besten widerspiegelt. Lust auf einen Rundgang?

„C‘est l’entrance de la vieille ville de Jérus….“ Kaum hat man einen Fuß durch das Jaffa-Tor gesetzt, schnappt man französische, spanische, chinesische, englische und russische Sprachfetzen auf – mit mehr als 3 Mio. Besuchern ist die Altstadt der Ort der tausend Sprachen. Das Klicken der Spiegelreflexkameras und das Tapsen auf den rutschigen Stufen in den engen Gassen sind zusammen mit den unablässigen Verkaufsversuchen der Souvenirverkäufer à la „we have nice candy“ und „where are you from?“ Begrüßung in die 3.000 Jahre alte Altstadt.

Nach dem Schmatzen der Orangen, die rechts und links frisch gepresst werden, und dem Schlurfen des letzten Schlucks Granatapfelsaft wird es langsam ruhiger. Im Souk einmal rechts abgebogen hört man in der Ferne leise Trompeten, Jubelrufe von Familien und Freunden, die anlässlich einer Bar Mizwa zur Klagemauer ziehen, dem Heiligtum der Juden.

Bar Mizwa
Familie & Freunde feiern lautstark Bar Mizwa

Dort trifft man auf Tamburine, feierliche Gesänge und tanzende Schritte, das leise Murmeln eines „baruch ata adonai eloheinu“, das so anders klingt als christliche Kirchenlieder. Spitzt man die Ohren, so kann man auch das Kratzen der Stifte auf Papier hören, auf denen Touristen und Gläubige Wünsche schreiben und sie in freie Mauerritzen stecken.

Feierliche Trompeten, Gesänge und Tanzschritte

Grabeskirche_1
Die Grabeskirche

So lebendig es an der Klagemauer zugeht, so ehrfürchtig still ist es in der Grabeskirche, die nur zehn Fußminuten entfernt ist. Schon am Eingang kann man häufig leises Weinen und ein Schurfen vernehmen – von Mitbringseln, die Gläubige durch Berührung mit dem Salbungsstein Jesu heiligen. Da ist enttäuschtes Flüstern, weil Touristen in Shorts am Heiligen Grab abgewiesen werden. Aber auch hoffnungsfroher Gesang von Pilgergruppen in der Marienkapelle, der einem Gänsehaut verleiht. Und ganz sicher auch ein Konzert knackender Knie von sich verneigenden Gläubigen.

Verlässt man die Altstadt durch das Damaskus-Tor hört man plötzlich orientalische Musik, Verhandlungen auf Arabisch und die Wangenküsse von Männern, die sich auf der Straße treffen. Da ist begeistertes Kinderjauchzen über das Zischen der Schlangen, die zur Schau gestellt werden, und das Brodeln des Fetts, in dem der Chips-King Kartoffeln frittiert. Das Pfeifen der jungen Männer, die mit einem Schubkarren über die Treppen sausen und Passanten vor einem Zusammenstoß warnen.

Der Alltag ist bunt und laut

Auf dem Heimweg durch die Neustadt ist man schrillem Hupen, ohrenbetäubenden Polizeiauto-Sirenen und dem Brummen der Rotorenblätter von Hubschraubern ausgesetzt. Sie ist auch der Ort, an dem Kinder vergnügt im Park spielen oder in einem Brunnen planschen. Und von  Menschen, die scheinbar hitzig in einer fremden Sprache diskutieren und Taxifahrer, die lautstark um Passagiere buhlen.

 

Damaskustor
Nahe des Damaskustors

Und dann sind wir wieder zuhause, in einer Wohnung nahe der Altstadt, in der scheinbar alles zusammenläuft: die nörgelnden „Ima!“-Rufe der Nachbarskinder, das endlose Jaulen der kämpfenden Katzen und das Duett aus rückwärtsfahrendem LWK und der brutalen Kreissäge auf der Baustelle gegenüber.

Da ist aber auch der religiöse Dreiklang, der sich sanft in die Wohnung schleicht – das hohe Glockenspiel des YMCA, das nach christlich-geprägter Heimat klingt, der erhabene Ruf des Muezzins am Abend und die leisen, jüdischen Gesänge aus der Synagoge in unserer Straße.

Jerusalem kennt tausend Klänge – manche drängen sich auf, für andere muss man ganz genau hinhören; vieles ist wunderschön, anderes raubt den letzten Nerv. Nur eines hört man hier nie: Stille.

Aus der Feder von:   Katharina

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